Nachhaltige Bildungsreformen: der Bremer Bildungsfrieden

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Im deutschen Stadtstaat Bremen hat die Stadtregierung unlängst gezeigt, dass es möglich ist, sich parteiübergreifend auf Bildungsreformen zu einigen und über einen längeren Zeitraum und Wahlen hinweg umzusetzen. Die letzten zehn Jahre wurde das Bremer Bildungssystem reformiert und erhält dafür auch gute Noten von Lehrkräften und Eltern. Doch wie wurde dieses Reformpaket, der Bremer Bildungskonsens, möglich?

Wenn man Mustafa Güngör, den bildungspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion Bremen darauf anspricht, was der Anfang für ein zehnjähriges Reformvorhaben war, fängt er an, die ehemalige Struktur des bremischen Bildungswesens zu erklären: „Jedes unserer sechzehn Bundesländer hat sein eigenes Bildungssystem entwickelt. Bremen hat es sich bis 2008 geleistet, alle sechzehn Ansätze miteinander zu vereinen.“ Die Vermengung der Ansätze hat zu teilweise absurden Strukturen geführt: Neben der vierjährigen Grundschule existierte auch die sechsjährige. Die Fünftklässler hatten die Qual der Wahl zwischen Gesamtschule, Hauptschulklassen, Realschulklassen und dem Gymnasium.

Neben der komplexen Schulstruktur sieht sich Bremen außerdem mit den Herausforderungen einer modernen Großstadt konfrontiert: Einige Viertel Bremens weisen eine hohe Konzentration von Kindern, die in Armut und mit bildungsfernen und erwerbslosen Eltern heranwachsen, auf. Angesichts dieser Rahmenbedingungen fand sich Bremen seit Beginn von PISA immer auf den hinteren Rängen der nationalen und internationalen Bildungsrankings wieder.

Zusammenarbeiten

Um sich gegen das negative Stigma zu stemmen und auch um in den Rankings weiter nach oben zu kommen, setzten 2007 SPD, CDU und die Grünen einen parteiübergreifenden Ausschuss ein, der innerhalb von einem Jahr die Schwachstellen des Bremer Bildungssystems evaluieren und Lösungsvorschläge entwickeln sollte. Gemeinsam mit BildungsexpertInnen wurden dabei neunzehn Verbesserungsvorschläge für das Bremer Schulwesen ausgearbeitet.

Wo zuvor CDU und SPD hauptsächlich ihre parteipolitischen Ziele verfolgt haben (Erhalt des Gymnasiums für die CDU und Etablierung von inklusivem Unterricht für die SPD), wurden hier Strukturmaßnahmen diskutiert, die im politischen Diskurs noch nicht ideologisch vereinnahmt waren.

Mit dem gemeinsamen Ziel, das Bildungssystem zu verbessern, wurden vierzehn der neunzehn Empfehlungen einstimmig im Ausschuss angenommen. Mit den gegenseitigen Zugeständnissen, dass das Gymnasium bestehen bleibt und die Inklusion in allen Schulen vorangetrieben wird, stand dem Bremer Bildungskonsens, auch Bildungsfrieden genannt, nichts mehr im Wege.

Der Kern des Bildungskonsenses, den SPD, CDU und Grüne 2008 trafen, lag im Beschluss einer zehnjährigen Schulreform, die nach acht Jahren evaluiert werden würde. Diese führte zu einer kompletten Restrukturierung des Bremer Bildungssystems, insbesondere der Reduzierung der Schulformen. Nach der vierjährigen Grundschule wurde neben dem Gymnasium die „Oberschule“ eingeführt, die Haupt- und Realschulklassen, sowie Gesamtschulen in sich vereint. Um die Oberschule aufzuwerten, gibt es auch hier die Möglichkeit, mit dem Abitur abzuschließen. Die Förderzentren wurden schrittweise auf drei reduziert und inklusiver Unterricht an Grundschulen, in den Oberschulen und am Gymnasium, mit Fachkräften aus dem neu entstandenem „Zentrum für unterstützende Pädagogik“ (ZUP), ermöglicht.

Was bisher schwer vorstellbar war, wurde Realität: Die Vorhaben des Bremer Bildungskonsenses wurde über zehn Jahre, inklusive seiner Evaluierung von drei unterschiedlichen BildungssenatorInnen umgesetzt. Finden wir hier also ein Erfolgsmodell für ganz Deutschland?

Wo es weiterhin hakt

„Nicht ganz“, meint der Bildungssprecher der CDU, Thomas vom Bruch. Obwohl die neue Struktur grundsätzlich als „zukunftsfähiger und modernisierungsoffener Rahmen“ definiert wird, hätten sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler im Raum Bremen über die vergangenen zehn Jahre nicht signifikant verbessert. Auch haben die sozio-ökonomisch benachteiligten SchülerInnen weiterhin das Nachsehen, besonders an Schulen, wo viele ihrer MitschülerInnen aus dem gleichen sozialen Milieu kommen. Es fehle außerdem an Ausstattung und Lehrkräften.

Mustafa Güngör sieht hier eine Aufgabe, die über das Bildungssystem hinausgeht. „Schule kann Faktoren wie Armut und Bildungsferne des Elternhauses nur abfedern, nicht kompensieren.“

Diese Aussagen sind besonders deshalb so ernüchternd, weil fünf der sieben politischen Ziele dieser Reform explizit auf die Hebung des Bildungsniveaus der Menschen mit den prekärsten Lebensumständen gezielt haben.

Strukturreformen sind nicht alles

Was ist also schiefgelaufen bei der Reform, die doch alles hatte: Einen parteiübergreifenden Konsens, wissenschaftliche Begleitung und vor allen Dingen Zeit.

Schaut man sich die Reform genauer an, bemerkt man schnell, dass es sich vor allen Dingen um Strukturmaßnahmen handelt, die hier umgesetzt wurden. Die kleinste Einheit, mit der hantiert wird, ist dife Schule. Schultypen werden zusammengelegt und auf inklusiven Unterricht vorbereitet. Das Abitur wird an der Oberschule ermöglicht, das Gymnasium faktisch nicht angefasst.

Im Vergleich dazu hat sich der Stadtstaat Hamburg in den letzten zehn Jahren vor allen Dingen mit Reformen beschäftigt, die direkt im Klassenzimmer ankommen. Mehr Geld für kleinere Klassengrößen, ein Bildungsindex, mehr Zeit für den Mathematik- und Deutschunterricht. Begleitet werden diese Maßnahmen von einem kontinuierlichem Bildungsmonitoring. Vor zehn Jahren lagen alle deutschen Stadtstaaten bei den nationalen Bildungsrankings noch nah beieinander, am unteren Ende des Leistungsfeldes. Bis heute sind Berlin und Bremen weiterhin Schlusslicht im Vergleich, aber Hamburg hat sich ins Mittelfeld vorgearbeitet.

Eine Kultur des Hinschauens, und zwar bis in die Klassenzimmer, hat sich in Hamburg zum Erfolgsfaktor entwickelt. Was bei vielen Lehrkräften außerhalb aufgrund des vermeintlichen Mehraufwandes und der gefühlten Deskreditierung des Berufsstandes auf Unverständnis und Abneigung stößt, hat in Hamburg seine feste Berechtigung. Ausgestattet mit viel Gestaltungsspielraum übernehmen die Lehrkräfte und Schulen mehr Verantwortung und richten die ganze Schule gezielter auf ihre SchülerInnen aus.

Das Potential vom Bildungsfrieden

Warum ist der Bildungsfrieden nach Bremer Schule trotzdem im Ansatz richtig? Und was es braucht, damit dieser funktionieren kann?

Der Bildungsfrieden sei eine notwendige, keine hinreichende Bedingung, meint auch vom Bruch und zeigt damit, wie sich der Bildungsdiskurs im Stadtstaat professionalisiert hat. Güngör meint, dass besonders die Strukturdebatten nachgelassen hätten. Diese seien vor dem Bildungsfrieden öfters ausgeartet und hätten Zeit und Nerven gekostet.

Kai Maaz, Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) schätzt, dass größere Reformen mehr als zehn Jahre benötigen, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Darunter seien „empirisch nachweisbare Veränderungen sicherlich utopisch“.

Trotzdem sei ein Bildungskonsens laut Maaz nur dann sinnvoll, wenn darunter kein Stillstand verstanden würde. Schule müsse immer noch den Freiraum haben, auf gesellschaftliche Veränderungen und wissenschaftlichen Fortschritte zu reagieren.

Außerdem werde derzeit in der Politik noch zu wenig der Wert und Nutzen von Datenerhebungen gesehen. „Wenn ein Reformprozess über zehn Jahre kontinuierlich wissenschaftlich begleitet wird, kommt man nicht erst nach zehn Jahren auf das noch bestehende Verbesserungspotential, sondern kann kontinuierlich nachbessern.“

An dieser Stelle hat Bremen inzwischen aufgeholt. Die Finanzierung für das seit 2003 durch die Kultusministerkonferenz angedachte „Institut für Qualitätsentwicklung“ ist inzwischen gesichert. Es soll die zu überprüfenden Bildungsstandards kontinuierlich weiterentwickeln und das Bildungsmonitoring in Bremen durchführen.

Neben der Überprüfung durch externe Institute scheint sich aber auch eine neue Umgangsform zwischen Behörde und Schule entwickelt zu haben. Auch wenn keine Direktion offen über die Entwicklungen der letzten Jahre sprechen möchte, wird die Arbeit der jetzigen Senatorin hinter vorgehaltener Hand gelobt. Hierarchien seien abgebaut worden, es gehe mehr darum gemeinsam gute Schule zu machen. Für den jetzigen Lehrkräftemangel macht man die Senatorin nicht verantwortlich: „Da haben sie vor zehn Jahren einfach nicht rechnen können.“

Auch die Evaluierung attestiert ein gutes Verhältnis zwischen Behörde und Schule.

„Die Zusammenarbeit zwischen den Schulen und der zuständigen Schulaufsicht ist von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Die Schulleitungen bescheinigen der Schulaufsicht eine hohe Unterstützungs- und Beratungsqualität und nehmen sie weniger als Kontrollinstanz, sondern eher als beratende Partner wahr, wenngleich die Schulaufsicht durchaus auch eine Kontrollfunktion für sich beansprucht.“

Von Seiten der Politik wird inzwischen der nächste Bildungskonsens vorbereitet. Man will aus den eigenen Fehlern lernen und sich Hamburg zum Vorbild nehmen. Der positive Umgang zwischen Schulen und Behörde kann da nur helfen.

Quellen:

Hartong, S. & Nikolai, R. (2016). Schulstrukturreform in Bremen: Promotoren und Hindernisse auf dem Weg zu einem inklusiveren Schulsystem. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 62, 105–123.

https://www.zeit.de/2017/43/grundschulen-hamburg-schueler-leistung-studie-bildungspolitik/komplettansicht

https://www.insm-bildungsmonitor.de/

https://www.bildung.bremen.de/schulkonsens-194707

https://www.bildung.bremen.de/sixcms/media.php/13/evaluation_schulreform_zusammenfassung.pdf

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=2ahUKEwjvmafVpZzdAhUO2KQKHRM5BiUQFjAAegQIAxAC&url=https%3A%2F%2Fwww.bildung.bremen.de%2Fsixcms%2Fmedia.php%2F13%2Fl63_16.pdf&usg=AOvVaw16LTvafMppf5pWRU_UWG-p