Von den Besten lernen:

Die 35-jährige Erfolgsgeschichte der IGS-Göttingen

Autorin: Amke Lehr – 10.2018

Ein Einblick in eine der beliebtesten Schulen Deutschlands, das Modell dahinter und was es braucht, um eine erfolgreiche Schule aufzubauen und zu erhalten.

Im Jahr 2011 erhielt das IGS Göttingen, die Georg- Christoph- Lichtenberg – Gesamtschule mit Sitz in Göttingen – Geismar, den renommierten Deutschen Schulpreis. Mehr als 35 Jahre nach ihrer Gründung erhielt sie so schließlich von der Regierung die Anerkennung, die sie verdient. Prof. Veit von der Universität Göttingen argumentiert, dass der Erfolg auf der langfristigen Anwendung und Weiterentwicklung wissenschaftlicher pädagogischer Erkenntnisse und Modelle beruhe. Wie diese Modelle es der Schule ermöglichten, für eine so lange Periode im Spitzenfeld mitzuspielen, und was hierfür ansonsten noch nötig war, wird im folgenden Artikel diskutiert.

Das Modell dahinter

Schon lange bevor sie den Schulpreis erhielt, war die IGS in der Region bekannt und bei Schülern, Eltern, Lehrern und in der Wirtschaft sehr beliebt. Ihre Anziehungskraft ist auf die so genannten drei Säulen der Schule zurückzuführen, nämlich: Methodenkompetenz, Fächervielfalt und die Qualität der sozialen Interaktionen.

In der Praxis bedeutet dies, dass der Unterricht hier einem schülerorientierten, individualisierten Ansatz folgt. Das Umfeld ist so gestaltet, dass die Schüler lernen Verantwortung für andere Mitglieder der Schulgemeinschaft zu übernehmen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ein interdisziplinärer Ansatz ermöglicht eine breitere Fächerpalette als in anderen Schulen, legt aber auch Wert auf soziale und Kompetenzen, die in Gesellschaft und Arbeit gefragt sind, wie die Arbeit im Team.

Das Potential von Heterogenität nutzen

Was sich bereits recht anspruchsvoll in der Umsetzung in homogenen Gruppen anhört, wird an der IGS sehr bewusst erreicht, indem man sich auf das Potenzial konzentriert, das die Arbeit insbesondere in und mit heterogenen Gruppen bietet.

Die IGS Göttingen ist nach dem Gesamtschulmodell von Niedersachsen organisiert. Nach vier Jahren Grundschule werden die SchülerInnen jedoch nicht, wie in Deutschland üblich, nach ihrem Grundschulabschluss in verschiedene Schulen eingeteilt sondern besuchen an der IGS gemeinsam die fünfte bis zehnte Klasse.

Die wichtigste Formel für die IGS ist hierbei 65-25-10-X: Die SchülerInnenschaft spiegelt die gesellschaftliche Zusammensetzung von Göttingen wieder, wobei etwa 65 % der Kinder Empfehlungen für den Besuch von höheren Schulen, 25 % die Empfehlung für Mittelschulen, 10 % für den Besuch der niedrigsten Bildungsstufe erhält und einige Prozent der SchülerInnen, da körperlich oder psychisch beeinträchtigt, in der Regel an Sonderschulen gehen würde. Diese vielfältige Mischung von Kindern wird dann in einem heterogenen „Team-Kleingruppen“-Modell organisiert, bei dem Kinder mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Fähigkeiten in Gruppen unterschiedlicher Größe zusammengefasst werden. Die Kleinsten sind die Schüler, die an einem Tisch zusammenarbeiten, die nächst größeren, die, die in einem Raum gemeinsam arbeiten, die die in einem Jahrgang gemeinsam arbeiten, usw..

Und es funktioniert! Der Erfolg dieses Konzepts wurde mehrfach gemessen: Eine große Anzahl von Kindern, die zu Beginn ihrer Schullaufbahn bei der IGS nicht für geeignet befunden wurden, die höchste Schulreife zu bestehen, bestehen diese beim Verlassen der Schule. Die von Anfang an hierfür für geeignet befundenen Kinder tun dies sogar in noch größerer Zahl als ihre Altersgenossen aus benachbarten Schulen, an denen nur Kinder sind, die die Grundschule mit den höchsten Noten abgeschlossen haben.

Lernen fürs Leben

Nicht nur die Zahlen und wissenschaftlichen Messungen belegen den Erfolg des IGS, sondern auch die konkreteren Ergebnisse, die immer wieder beeindrucken. Wenn man Teenagern in ihren letzten Jahren an der IGS zuhört, kommt man nicht umhin von den Antworten der Teenager zu ihrer Schule beeindruckt zu sein. Sie betonen, dass die Schule ihnen ein einzigartiges Umfeld bietet, damit sie lernen können, wie sie mit Menschen unterschiedlicher Herkunft auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten können. Und wie sie dadurch den Wert verschiedener Teile der Gesellschaft und das Potenzial, das in diesen steckt, besser verstehen lernen.

Die Bedeutung dieses Bewusstseins für die nächste Generation kann nicht genug betont werden, wie zahlreiche Autoren wie Markus Hengstschläger, argumentieren. Er bekräftigt, dass die Notwendigkeit einer homogenen Belegschaft in Betrieben immer weniger gefragt werden wird und wir als Gesellschaft deswegen Kreativität und unterschiedliche Talente fördern müssen. Oder wie es der ehemalige Rektor Wolfgang Vogelsaenger ausdrückt, er weiß nicht, was die Studierenden von heute für ihren Beruf und ihre zukünftige Rolle in der Gesellschaft wissen müssen, aber er weiß, dass soziale Kompetenzen wie Kooperation, Eigenständigkeit, Kreativität, Neugierde und Einfühlungsvermögen immer gefragt sind und für die nächste Generation sehr wichtig sind, um ihre eigene und die Zukunft der Gesellschaft erfolgreich zu gestalten. Er sieht seine Rolle und die Rolle der Schule darin, den Schülern ein Umfeld zu bieten, das diese Kompetenzen fördert.

Erst die Vision, dann das Modell

Warum also arbeitet nicht jede Schule nach diesem Beispiel, wenn es denn soviel Potential bietet? Wahrscheinlich, weil hinter all dem was einfach aussieht, eine Menge harte Arbeit steckt. Was im Nachhinein so selbstverständlich und einfach klingen mag, wurde erst durch lange, harte Arbeit möglich.

Am Anfang stand viel Vorarbeit einer engagierten Gruppe von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund. Bereits Jahre vor der Gründung der Schule, Mitte der 70er Jahre, kam eine Gruppe von engagierten Lehrern, Eltern, Architekten, Politikern und Wissenschaftlern der Universität Göttingen zusammen, um über eine Alternative für das in ihren Augen kränkelnde Schulsystem nachzudenken.

Verschiedene Schulmodelle im Ausland sowie erfolgreiche Schulen in Deutschland wurden besucht, Best Practices analysiert und Anwendungsmöglichkeiten herauskristallisiert. Diese Erkenntnisse wurden in ein ganzheitliches Konzept übersetzt, das die Grundlage für die Vision des IGS, mit kleinen Anpassungen, bis heute bildet.

Die Bedeutung dieser Vorgehensweise, zuerst ein umfassendes Konzept und eine Vision, dann ein ganzheitliches Modell für eine Schule, von einer Vielzahl von Experten gemeinsam erstellt, wird von Vogelsaenger immer wieder betont. Alle Strukturen der Schule wurden so gebaut, dass sie dieser Vision entsprechen. Die meisten anderen Schulen, so betont er, haben nicht einmal eine Vision oder ein zugrunde liegendes ganzheitliches Konzept für ihre Schul (-kultur), wie also sollen sie es schaffen, fragt Vogelsaenger, ein ausgeklügeltes, ganzheitliches Modell für ihre Schule zu entwickeln? Und ohne dieses ist es in der Praxis schwer bis unmöglich zielgerichteten Unterricht und echte Zusammenarbeit innerhalb einer Schule sicherzustellen.

Eine solche Vision, ein solches Konzept und Modell, an dem sich alle orientieren, hilft auch beim Vorankommen und Vorantreiben, wenn die Zeiten schwieriger sind. Es hilft, den Weg zu weisen. Denn auch wenn sich das Modell des IGS im Laufe der Zeit als erfolgreich erwiesen hat und immer noch am neuesten Stand der Forschung ist, ist die IGS kein Perpetuum Mobile. Es ist ein Modell, das davon abhängt, dass jede und jeder Einzelne die Verantwortung für die Gruppe und den Erfolg der Schule und ihrer Gemeinschaft übernimmt. Kooperation, Respekt und Engagement gibt es nur in Schulen, wenn Lehrer, Eltern und ältere Schüler Vorbilder für dieselben Werte sind. Und wenn diese Werte in der Vision und im Verständnis der Schule klar zum Ausdruck kommen, implizit und explizit.

„Das System verhindert, dass wir etwas ändern“

Eine der öftesten gehörten Ausreden von Akteuren im System ist: „Das System verhindert, dass wir etwas ändern“. Und oft ist es tatsächlich so, dass es von außen wenig Unterstützung für neue Ideen gibt. Das Umfeld ist möglicherweise nicht günstig für Veränderungen, die Situation ist nicht perfekt, der Zeitpunkt nicht richtig, wichtige mögliche Verbündete kritisch und die Finanzierung knapp. Das, dies nicht bedeutet, dass eine Umsetzung unmöglich ist, hat die IGS bewiesen.

Wie so oft bei neuen Ideen und Veränderungen war und ist nicht jede und jeder mit der IGS, ihrer Gründung und Arbeit seit damals zufrieden. Eine sich öffnende Türe beherzt zu nutzen, sich zu entscheiden, an die eigene Vision zu glauben und, unabhängig von den sich auftuenden Herausforderungen, ihrem Leitbild in Form der Vision der Schule treu zu bleiben, hat sich jedoch zumindest in diesem Fall als erfolgreich erwiesen.

Was können wir hieraus lernen?

Wolfgang Vogelsänger, langjähriger Rektor der IGS, hat aus den Erfahrungen der Vergangenheit folgende Meinung dazu, was es braucht um eine erfolgreiche Schule aufzubauen: Zusätzlich zu dem Punkt, dass es wichtig ist, zuerst eine Vision zu haben, eine gründliche Vorstellung davon, wohin es gehen soll, bevor man anfängt, ein Modell zu bauen, sieht er die Verantwortung für eine qualitativ hochwertige Ausbildung bei Schulen selbst. Und aufgrund dieser Meinung ist er auch nicht bereit Dinge zu tun, die diesem Zweck nicht dienen, nur weil Politiker ihm dies sagen. Gegen Veränderung, nur um der Veränderung willen, warnt er. Stattdessen betont Vogelsaenger, dass das, was gut funktioniert, erhalten und geschützt werden sollte gegen das, was er für nutzlose Reformen hält. Dies gibt den einzelnen Schulen (und ihren Teams und ihrer Gemeinschaft) Zeit und Energie, sich auf das, was der Bildung dient, zu konzentrieren und dabei alle legislativen und politischen Schlupflöcher und Freiheiten zu nutzen, die sich bieten, um diese umzusetzen.

Das Leitbild der Schule besagt, dass das beste Lernen dann geschieht, wenn SchülerInnen sich in der Schule sicher fühlen und klare Bezugspersonen haben, Lernen auf verschiedene Art und Weise stimuliert wird und die natürliche Neugierde der SchülerInnen nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert wird. Das Ziel besteht nicht darin Inhalte auswendig zu lernen, sondern viel mehr darin, etwas so zu lernen, dass man es wirklich versteht und auf die reale Welt anwenden kann.